Warum Mädchenarbeit?

 

Ist Mädchenarbeit überhaupt notwendig?

Sind Mädchen nicht emanzipiert genug und haben die gleichen Rechte und Zugangsmöglichkeiten wie Jungen?

Sind es nicht die Jungen, die benachteiligt sind, was sich durch häufigeres Schulversagen bei Jungen als bei Mädchen zeigt?

Ist nicht eine Annäherung der Geschlechter gerade dann möglich, wenn diese aufeinander treffen und voneinander lernen können, statt in geschlechtlich getrennten Einrichtungen/Gruppen zu sein?

All diese Fragen sind nicht einfach und mit einem Satz zu beantworten, denn weder alle Mädchen noch alle Jungen haben einheitliche Lebensrealitäten. So kommt es immer darauf an, in welchen Familien die Kinder und Jugendlichen aufwachsen, welchen kulturellen Hintergrund sie haben usw.. Festzuhalten ist, dass Mädchen zwar mehr Möglichkeiten zur Gestaltung ihrer Lebenswege offenstehen, dass die Anforderungen und die Probleme der Mädchen dadurch aber nicht weniger geworden sind, sondern sich lediglich verändert haben. Einiges hat sich, wenn auch weniger sichtbar, hingegen nicht verändert.

Auch wenn die Emanzipation weiter vorangeschritten ist als zu Beginn der Mädchenarbeit, erfährt jedes Mädchen und jede Frau innerhalb ihrer Biografie auf Grund ihres Geschlechts auch heute noch Benachteiligung. Dies ist bei der Berufswahl zu beobachten, wenn Frauen „typisch männliche“ Berufe ergreifen (wollen). Auch erlebt jedes Mädchen und jede Frau im Laufe ihres Lebens immer wieder sexistische Anfeindungen und eine Reduzierung zum „Sexobjekt“. Umso wichtiger ist es für Mädchen, einen Ort zu haben, an dem sie diese Erfahrungen in einem geschützten Rahmen, (gemeinsam) verarbeiten können.

In der Öffentlichkeit stehen zudem Jungen im Mittelpunkt, da diese in der Regel ein auffälligeres Verhalten zeigen als Mädchen. Sie treten öfter durch Gewalttaten in Erscheinung und versagen häufiger in der Schule. Mädchen hingegen richten ihre Wut häufiger gegen sich selbst und sind in der Schule häufig angepasster. Andererseits treten auch Mädchen in zunehmenden Maße durch gewalttätige Konfliktbewältigungsstrategien in Mädchencliquen hervor, die sich dem Schulsystem nicht anpassen wollen bzw. können und übermäßig stark Alkohol konsumieren.

Für viele Mädchen ist der Kontakt zu Jungen natürlich wichtig, dennoch nutzen Mädchen die geschlechtsheterogenen Einrichtungen seltener als Jungen. In geschlechtsheterogenen Gruppen wird es Mädchen erschwert, ihren Wünschen und Fähigkeiten auf die Spur zu kommen und Eigenständigkeit zu entwickeln, weil das von Anpassungs- und Leistungsdruck geprägte Dominanz- und Imponiergehabe unter Jungen immer anwesend ist. Zudem kann ein Klima der permanten Be- und Entwertung entstehen, die die Möglichkeiten zur Selbstentfaltung stark einschränken.

Mädchen nutzen in reinen Mädchenangeboten hingegen den Freiraum, ausgelassen zu sein, abschalten zu können und sich von den Anstrengungen zu erholen, die der Kontakt zum anderen Geschlecht mit sich bringen kann und der häufig von starken Verunsicherungen begleitet wird.

Verändert haben sich in den letzten Jahren die Rollenerwartungen an Mädchen. Diese sind oft durch ihre Widersprüchlichkeit gekennzeichnet. So sollen Mädchen beispielsweise gleichzeitig brav und angepasst und cool und frech sein. Die verschiedenen Erwartungen und Möglichkeiten für Mädchen bringen hohe Anforderungen und Diffusion mit sich. Sie müssen und können sich aus einer Fülle von Möglichkeiten und Anforderungen für den eigenen Weg entscheiden. Vielen Mädchen ist eine Unterstützung von erwachsenen Frauen außerhalb der Familie sehr wichtig, die ein positives Verhältnis zu ihrem Lebensweg und zu ihrer Weiblichkeit haben. Somit sind der Kontakt und die stabilen Beziehungen zu den Pädagoginnen in einem sicheren Rahmen von hoher Bedeutung. Ohne einen Beziehungsabbruch zu fürchten, können sich die Mädchen ausprobieren und Grenzen austesten.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass sich die Lebensrealität und Rollenerwartungen beider Geschlechter zwar angenähert haben, aber mit geschärften Blick wird deutlich, dass diese noch lange nicht dieselben sind. Die Förderung geschlechtsspezifischer Arbeit für Mädchen und für Jungen bleibt in Zukunft weiter notwendig, um möglichst gut auf die spezifischen Bedürfnisse, Stärken und Ressourcen, aber auch Probleme eingehen zu können.